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FILLMYHEAD – interview

FILL MY HEAD als blog und zine distro ist im april 2013 zwei jahre alt geworden. zeit für ein wenig selbstbeweihräucherung. klara zorn (freut euch auf unser langweiliges 1138/totstellen split-zine im sommer 2015) hat ein kurzes interview mit mir geführt. sie stellte keine kritischen fragen.

ded
[entwurf für irgendwas]

hallo m.! ich würde gerne wissen, wie man auf die idee kommt, zehn jahre nach 9/11 einen vertrieb für (fan)zines zu gründen.
okay, also falls das eine frage war: ich hatte ende 2010/anfang 2011 zusammen mit einer freundin einen plattenversand namens TRÜMMERFRAU AKTUELL, aber das hielt nur für ein paar monate (uns wurde sehr schnell klar, dass man auch für den handel mit punkplatten startkapital braucht; außerdem hatte keiner von uns einen führerschein und das päckchenpackenundzurpostschleppen nervte extrem). das war auch ungefähr zu der zeit, in der ich das erste KALTER KAFFEE fertigschrieb und da hatte ich recht schnell klar, dass ich noch mehr mit zines rummachen will. die zwei ideen im kopf waren „zinefest veranstalten“ und „zinedistro aufziehen“, letzteres ging dann recht fix vonstatten. blog anmelden und irgendwas schreiben, zineschreibende zwecks weiterverkauf anhauen, verkaufsliste zusammenstellen. die ersten zehn flyermotive habe ich an einem nachmittag zusammengeklebt, das hat einfach bock gemacht. beim zurechtschneiden und der verbreitung der flyerkopien schlampe ich allerdings bis heute, das müsste mir mal jemand abnehmen. 9/11 war übrigens ein inside job.

wieso FILLMYHEAD/wie kam es zu der namensfindung?
der name war ein schnellschuss. ich wollte das eigentlich als TRÜMMERFRAU AKTUELL fortführen und eben zu einem reinen zine distro umstrukturieren. ein freund hatte anfangs noch lust, mitzumachen, störte sich aber leider an diesem wunderbaren namen (keine ahnung warum, vielleicht half seine oma damals beim wiederaufbau des magdeburger doms). weil ich das ding aber möglichst sofort aufziehen wollte, dachte ich mir FILL MY HEAD aus. „fill my head with useless crap“ ist nicht nur eine schöne phrase, sondern auch recht passend: soviel sinnloswissen wie beim lesen von fanzines habe ich höchstens beim lesen von fernsehprogrammheften angehäuft. FILL MY HEAD war also nicht nur eine notlösung.

wie kommt man auf die idee, fanzines zu verkaufen? ist das erstrebenswert? bleibt da was hängen? bist du mit deinem job zufrieden?
die idee kam ja auf, weil ich mein eigenes heft verteilen wollte und festgestellt habe, dass es kaum distros für fanzines gibt. und wie sangen einst die onkelz: „hilf dir selbst sonst hilft dir niemand!“ kann aber auch sein dass das von endstufe oder irgendeiner anderen band ist, aber darum geht es nicht, getreu dem tu-es-selbst-befehl der deutschrockgötter erschuf ich also mit meinen eigenen händen einen vertrieb für fanzines. heute kann ich sagen, dass das gar nicht mal so spannend ist. ich finds nachwievor gut, dass es zine distros gibt, aber es gibt echt spaßigere aktivitäten als einen versand zu unterhalten. ich beantworte jedenfalls nur ungern unpersönliche bestellmails oder packe päckchen und renn damit zur post. der coolste aspekt ist eigentlich der, dass ich durch den ganzen kram eine handvoll guter menschen kennenlernen konnte.

st2
[das büro]

was hälst du von zinefesten?
weiss ich nicht. ich glaube, um kontakte mit anderen schreibenden zu knüpfen, um sogenannte netzwerke aufzubauen, die sich jenseits von facebook bewegen bzw. auch jenseits von social media-mittelmäßigkeit handlungsfähig sind, sind zinefeste bestimmt nicht unwichtig. wobei ich mir auch nicht sicher bin, ob diese möglichkeiten dann am ende auch wirklich ausgeschöpft werden. ich war bisher nur auf einem und da hatte ich leider kaum die zeit, den tag für die eben von mir angerissenen dinge zu nutzen.

generell sind die meisten zinefeste, so zumindest mein bauchgefühl,  eher artsy fartsy ausgerichtet und da fühle ich mich dann ganz schnell unwohl und gelangweilt. ich glaube das berliner zinefest zum beispiel geht auch stark in diese richtung. da war ich selbst noch nicht vorstellig, habs mir aber für dieses jahr vorgenommen. die leute vom three chords magazine hatten vor ein paar jahren eins gemacht, das war eher zeckenorientiert, mit punkbands und skatecontest, da könnte auch mal wieder was nachkommen.

in deutschland gibt es wenig zinefeste, da geht in bspw. kanada oder england viel viel mehr.  ist aber nicht schlimm: lieber keins als eins das mich nicht anspricht. alles in allem fänd ichs aber schon schön, wenn auf dem gebiet mal mehr passieren würde. langweilige doomkonzerte und illegale technoparties im wald gibts doch auch jedes wochenende.

gut, dass du die erwartungen deiner kunden so mit füßen trittst!
du hättest ruhig noch direkter auf mich einstechen können. was sind das eigentlich für seichte, gefällige fragen?
du sprichst sicher auf kalter kaffee zwei an. das ist fertig, wenn es fertig ist. aber deshalb mache ich das zine alleine. das war auch wirklich der ursprüngliche gedanke: ich habe meinen eigenen rhythmus und meine durststrecken und ich kann nur schwer kompromisse eingehen, also mach ich das komplett alleine. so kann ich selbst angesetzte deadlines auch locker sprengen, ohne dass mich irgendjemand volllabert.

was können wir in zukunft erwarten?
wer ist wir?
meine wünsche fürs kommende halbe jahr: mehr arbeitsdisziplin, weniger liebeskummer. FILL MY HEAD als fanzine distro wird gegen ende diesen jahres dicht gemacht, ich habe mittlerweile das interesse daran verloren, zines anzukaufen und weiterzuverteilen, der blog wird aber so unregelmäßig wie immer weitergeführt. vielleicht findet sich auch jemand, der den distro übernehmen will, das fänd ich ja am besten.
ansonsten: irgendwann halt das kalter kaffee zwei und die siebte ausgabe des 1138. das wird richtig gut. für 2014 will ich gerne das leipziger zinefest wieder aufleben lassen, mal schauen, ob die anderen orgacrewheinis auch wollen und/oder ob sich gar neue leute dafür begeistern lassen.

zum abschluss deine top 5  zines?
eine top 5 habe ich nicht, aber gut und relativ aktuell sind: seven inches to freedom, nur über meine leiche, anti-everything.

danke!
danke für alles.

der FEIERABEND! fragt:

die aktuelle ausgabe des FEIERABEND! beinhaltet u.a. eine fragerunde mit der ZINEATTACK! #01 -organisierungskaste [-1].

da ich die erlaubnis bekommen habe, das interview extern veröffentlichen zu dürfen, mach ich das jetzt und hier auch endlich mal. das heft kaufen [1,50€ oder so] und somit unterstützen dürft ihr aber trotzdem.

:

FA!: Ich vermute mal, dass Ihr nicht nur das ZineAttack organisiert, sondern auch anderweitig im DIY-Bereich aktiv seid. Könnt Ihr euch mit ein bis zwei Sätzen vorstellen, wer Ihr seid und was Ihr sonst so macht?

Jan: Ich bin Jan, 26 Jahre alt, gebe seit 2002 zweimal im Jahr ein jeweils 80-seitiges Anarcho-Punk-Fanzine namens Proud to be Punk heraus und spiele bei Selbztjustiz Gitarre bzw. bei Doubt Everything Schlagzeug.

Darüber hinaus bin ich bei Bon Courage e.V. aus Borna aktiv – hierbei handelt es sich um einen Ende 2006 ins Leben gerufenen Verein, der mit Workshops, Vorträgen, Filmvorführungen, Ausstellungen, Bildungsreisen usw. antifaschistische und antirassistische Aufklärungsarbeit betreibt (siehe http://www.boncourage.de).

Markus: Ich heiße Markus und schreibe und verkaufe Zines (über das Fill My Head-Zine-Distro). Ich höre gerne Toxoplasma und Rites Of Spring und schlafe lange.
Außerdem finde ich seit 2002 (da hörte ich zum ersten Mal einen Song von Minor Threat) schnelle, simple Musik voll gut, deshalb gründete ich mit drei anderen Losern vor einiger Zeit die Musikgruppe Morgenthau Plan.
Sonst beschränken sich meine Aktivitäten im DIY-Bereich meist nur noch auf den Support von Konzerten mittels Eintrittzahlen und dem Erwerb von Tonträgern.

FA!: Ganz naiv gefragt: Was ist ein Fanzine? Worin unterscheidet es sich von „normalen“ Zeitschriften? Und warum macht oder liest mensch lieber ein Fanzine als einen Blog?

Jan: Das klassische Fanzine ist ein schwarz-weiß kopiertes Heft im A5-Format. Da sich diese Szene recht vielseitig gestaltet, gibt es natürlich auch Fanzines in A6-, A4- oder auch vollkommen ausgefallenen Größen.
Ab einer gewissen Auflage lohnt es sich, das Heft zu drucken – so gibt es auch einige vollfarbige Fanzines auf Hochglanz-Papier, wobei für mich jedoch die Do-It-Yourself-Atmosphäre ein stückweit verloren geht.

Die inhaltliche Ausrichtung kann sehr unterschiedlich ausfallen und hängt selbstverständlich von den Interessen der HerausgeberInnen ab. Musik spielt in Punk/Hardcore-Fanzines zweifelsohne eine bedeutende Rolle. Aber auch Themen wie Politik, Kunst oder Sport sowie persönliche Gedanken bzw. Erlebnisse stellen durchaus keine Seltenheit in Fanzines dar – einige HerausgeberInnen nutzen ihr Heft sogar förmlich als Tagebuchersatz und geben viel über die eigene Person preis.

Wie der Inhalt so wird auch das Layout des Fanzines von denjenigen zusammengeschustert, die selbiges veröffentlichen – entweder ganz oldschool mit Schere und Leim oder etwas moderner am Computer.

Fanzines unterscheiden sich von normalen Zeitschriften in erster Linie dadurch, dass sie ohne finanzielle Hintergedanken aus purem Idealismus heraus veröffentlicht werden – so deckt der Preis eines Fanzines in der Regel gerade mal die entstandenen Kopier- bzw. Druckkosten. Dadurch, dass sich die Redaktion meist nur aus einer Handvoll Leute zusammensetzt, fällt der Inhalt häufig sehr subjektiv aus – es wird einfach über das geschrieben, was die HerausgeberInnen selbst interessiert oder bewegt. Zudem erscheinen Fanzines oftmals unregelmäßig und meist nur in einer Auflage von wenigen hundert Exemplaren.

Da ich selbst nur ungern längere Texte am Computer lese und lieber in der Straßenbahn, auf der Wiese im Park oder abends im Bett noch ein bisschen in einem „richtigen“ Fanzine schmökere, hält sich mein Interesse gegenüber Internetblogs spürbar in Grenzen. Ein Fanzine ist einfach klein, handlich, praktisch – um einen Blog zu lesen, muss ich zumindest einen Laptop parat haben. Zudem sind Fanzines von ihrer Optik her oftmals mit wesentlich mehr Liebe zum Detail gelayoutet, als es bei Blogs der Fall ist.

FA!: Und á propos Blogs: Gibt’s so was wie ein Konkurrenzverhältnis zwischen Zines und dem WoldWideWeb? Waren Fanzines früher wichtiger für die Subkultur?

Jan: Zweifelsohne haben E-Zines und Webblogs gedruckte Fanzines in den letzten Jahren ein stückweit verdrängt. Dennoch gibt es immer noch genügend Leute, die sich für Fanzines im Papierformat interessieren, so dass ich nur bedingt von Konkurrenz sprechen würde.

Auf mein eigenes Fanzine bezogen hat sich beispielsweise im Laufe der Jahre ein recht fester LeserInnenkreis etabliert, zu dem immer wieder neue Leute hinzustoßen. Nichtsdestotrotz hat das Internet ungemein dazu beigetragen, dass der Informationsfluss wesentlich zügiger vonstatten geht, als es in den 1980ern oder 1990ern der Fall war. Damals blieben Mundpropaganda, Flyer und eben auch Fanzines oft die einzige Informationsquelle, auf die man zurückgreifen konnte, um auf dem Laufenden zu bleiben – heutzutage genügen einige Mausklicks, um alles nötige zu erfahren.

Markus: Ich glaube schon, dass die Möglichkeiten im Netz die Zinekultur so’n bißken ausgeknockt haben. Zumindest ist der ganze Spaß doch deutlich zusammengeschrumpft. Also klaro, wie Jan schon sagte, es gibt immer noch genügend Leute, die sich für den Kram interessieren. Aber wenn man vergleicht, was es z.B. vor ungefähr 10 Jahren noch an deutschsprachigen Egozines gab (hab erst letztens ´nen guten Einblick bekommen, als ich ein riesiges Paket mit alten Zines aus dem Zeitraum 1985-1995 zugeschickt bekam), was man mittlerweile fast an beiden Händen abzählen kann, würde ich auf jeden Fall behaupten, dass E-Zines, Blogs & Co. dazu beigetragen haben, dass das Printheft nicht mehr so gefragt ist. Einen Blog im Egozinestil aufzuziehen ist auch einfach unkomplizierter: Freier, kostenloser Zugang, Kommentarfunktion, sekundenschnelles Artikel veröffentlichen statt wochenlanges Schneiden & Kleben…

Ich persönlich bevorzuge immer noch gedruckte Zines, aus den auch von Jan genannten Gründen, lese aber auch gerne auf Blogs rum. Ich schreibe ja auch auf dem Blog für die Fill-My-Head-Zine-Distro, was für mich aber nicht den gleichen Stellenwert wie das Schreiben eines Printzines hat. Letzteres bedeutet mir dann doch viel mehr, weil mir der ganze Entstehungsprozess „Text schreiben > Layoutideen sammeln > schneiden und kleben > kopieren und tackern“ verdammt viel Spaß bereitet und die alltägliche Langeweile ein wenig wegkillt.

Und deine super-allgemeine Frage, ob Fanzines früher wichtiger waren, kann ich dir super-allgemein beantworten, nämlich mit einem klaren: Ja, auf jeden Fall. Nehmen wir mal das Beispiel Konzertankündigungen: Wie erfuhr ein schwäbischer Dorfpunk in den frühen 90ern vom GG-Allin-Konzert in Königswusterhausen? Eben. Von seiner Brieffreundin aus Flensburg, die den Konzertflyer irgendwo ins Layout ihres Zines einfließen ließ. Heute erledigen das eben Blogs und Konzerteinladungen auf Facebook. Siehe Jans Antwort. Sehr schön auf den Punkt gebracht. GG Allin ist übrigens schon lange tot, hab ich auf Wikipedia gelesen.

Naive Frage Nr. 2: Warum gibt es Zinefests? Welche Bedeutung haben die für die „Szene“? Und was ist das Motiv für Euch, hier in Leipzig ein Zinefest zu organisieren? Was kann mensch da erwarten?

Markus: Ich denke, jede Zinefest-Orga-Crew hat da ihre eigenen Gründe, je nachdem, wo die persönlichen Prioritäten der Aktiven liegen. Die klassischsten Gründe sind wohl einfach die, das Medium „Fanzine“ einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen, neue Zines und die Menschen dahinter kennenzulernen und Eigenes zu verbreiten.
Es gibt aber auch Zinefeste, die ein bestimmtes Thema pushen wollen, z.B. von Anarchopunks organisierte Treffen, um politische Aktionsformen zu entwickeln und weiterzuverbreiten, oder Riot-Grrrl-Events, um am männerdominierten Bierzelt namens Punk ein wenig feministisches Feuer zu legen.

Welche Bedeutung das für die Szene hat? Ich kann da nur mutmaßen. Es ist halt erstmal „nur“ ein nettes Vernetzen, welches im real life, von Aug zu Aug, stattfindet. Ob das irgendwie großartig bedeutend für eine Szene ist, glaube ich kaum, und ich sage das auf keinen Fall jammernd oder klagend. Ich glaube, die Bedeutung beschränkt sich meist auf die eh schon Aktiven, die sich dann halt nach jahrelangem Mailverkehr und Zinetausch endlich mal kennenlernen. Im besten Falle entsteht daraus etwas, z.B. ein neues gemeinsames Zine oder, noch besser, die eine oder der andere wird angefixt und inspiriert, ein eigenes Heft zu starten. Aber auch hier kann man sagen: Vernetzung findet mittlerweile hauptsächlich digital statt.

Zu unserer eigenen Motivation, so was mal in Leipzig zu versuchen: Es ist im Grunde so, dass wir alle in irgendeiner Weise aktiv im Zine-Business drinhängen und immer wieder die Erfahrung machen, dass gar nicht mal so wenige diese Zinekultur überhaupt nicht kennen, oft nicht mal den Begriff „Fanzine“ zuordnen können. Kurz gesagt ist das Hauptmotiv also erstmal „nur“ aufzuzeigen, was sich dahinter verbirgt. Nämlich nicht nur schmuddelige Nischenblättchen für Punker, nöö, das alles kann ziemlich facettenreich und inhaltlich verdammt abwechslungsreich daherkommen. Positive Nebeneffekte könnten auch sein, dass wir neue spannende Zines und Schreiber_innen kennenlernen und irgendwen irgendwie inspirieren. Mal schauen.

Was wir uns konkret für das Leipziger Modell ausgedacht haben: Neben dem üblichen abendlichen Konzert mit 3 Punk/Hardcore-Bands als Ausklang und einem bestimmt voll leckeren Brunch zu Beginn kann man sich diverse Lesungen reinziehen, Filme zum Thema anschauen oder in einer Leseecke in alten und aktuellen Zines blättern. Wir konnten Christian Schmidt, ehemaliger Mitarbeiter im Archiv der Jugendkulturen Berlin, als Referenten zum Thema „allgemeine Geschichte des Fanzines“ gewinnen, sicherlich vor allem für Zine-Unkundige interessant. Verkaufsstände bieten für wenig Geld Fanzines aus den unterschiedlichsten Bereichen feil. Außerdem würden wir gerne vor Ort ein ZINEFESTZINE gestalten. Jede_r kann sich einbringen, Material zum schreiben und gestalten ist vorhanden.

FA!: Fanzines sind, soweit ich sehe, vor allem mit der DIY-HC/Punk-Szene verbunden. Gibt es so was wie eine eigenständige Zine-Subkultur oder eine Verbindung zu anderen Subkulturen durch das Medium Fanzine? Die ersten Zines, die ich vor gut zehn Jahren in die Hände bekam, waren (Death-)Metal-Zines, in den letzten Jahren gab´s drei-vier deutschsprachige Zines aus der Gothic-Ecke. Wie´s in anderen Bereichen (HipHop usw.) aussieht, weiß ich nicht. Also, gibt es eine Kooperation von Fanzine-Macher_innen aus verschiedenen Subkulturen, oder beschränkt sich das doch auf den DIY-Punk-Bereich?

Jan: Ein beachtlicher Teil der hiesigen Fanzinekultur dürfte durchaus in der Punk- und Hardcore-Bewegung verwurzelt sein, da gerade diese durch den Do-It-Yourself-Gedanken seit jeher besonders stark geprägt wurde. Laut Aussage einiger FreundInnen von mir scheint die Metal- und Gothic-Szene in dieser Hinsicht eher dünn besiedelt zu sein. Und auch mein Bruder, der sich intensiv mit HipHop beschäftigt, äußerte vor einiger Zeit leicht beeindruckt, dass er es schade findet, dass es in der HipHop-Szene scheinbar gar keine Ambitionen gibt, eigene Fanzines herauszubringen.
Eine recht breit gefächerte Fanzinekultur gibt es meines Wissens noch in der Ultra-Szene unter Fußballfans. Ein szenenübergreifender Kontakt lässt sich bei mir jedoch nur selten feststellen. Letztlich entstammen alle HerausgeberInnen anderer Fanzines, mit denen ich in Kontakt stehe – und das sind über die Jahre recht viele geworden – mehr oder weniger der Punk- und Hardcore-Szene, auch wenn sich der Inhalt der einzelnen Hefte sicher recht facettenreich gestaltet.

FA!: Welche Zines (aus Leipzig und darüber hinaus) würdet Ihr empfehlen, und warum gerade die?

Jan: In Leipzig ist nach einigen eher tristen Jahren glücklicherweise wieder etwas Leben in die Fanzine-Landschaft eingezogen. Zu erwähnen sind hierbei der Kiezkicker (alles rund um den antirassistischen Fußballverein Roter Stern Leipzig), Nairobi Five Degree (ein Mix aus Musik, Politik und Ego-Zine), Müell (eine Wagenladung Gossenliteratur und anderer kranker Scheiß) und Utopia Now (eher musiklastige Gazette, wobei der Schwerpunkt eindeutig im Hardcore-Sektor liegt). Nimmt man noch unsere beiden Fanzines Kalter Kaffee und Proud to be Punk hinzu, so ergibt sich ein recht facettenreiches Bild der Leipziger Fanzine-Szene, die nunmehr für jeden Geschmack etwas bieten dürfte.

Ich persönlich lese gern Fanzines, die eine ausgewogene Mischung aus Musik und politischen Themen bieten – z.B. Commi Bastard (Redskin-Fanzine aus Berlin), (R)Ohrpost (persönliches wie auch politisch motiviertes Punk-Fanzine von der Nordseeküste), Romp (klasse Anarcho-Punk-Fanzine aus der Schweiz) oder Underdog (sehr gut recherchiertes, tiefgründiges Fanzine aus Wildeshausen, das sich in letzter Zeit immer wieder einem Schwerpunktthema pro Ausgabe, z.B. Homophobie, widmet). Aber auch Human Parasit, Ketten und Ketchup, Randgeschichten oder Young and Distorted geben spannende Einblicke in das Leben der HerausgeberInnen, beziehen politisch klar Stellung und beweisen gutes Gespür, was coole Punk- und Hardcore-Bands betrifft.

Markus: Hm, ehrlich gesagt hat mich schon länger kein Zine mehr wirklich mitgerissen. Die meisten Zines, die ich erbarmungslos abfeiere und immer wieder lese, sind eigentlich alles irgendwelche alten Dinger, die es längst nicht mehr gibt. Was mir bei den meisten Zines irgendwie fehlt, ist eine eigene Meinung und ein gesundes Maß an Rücksichtslosigkeit. Wenn ich mich zurückerinnere, sind die Zines, die mich am meisten gekickt haben, meistens die gewesen, die mir in irgendeiner Art und Weise vor den Kopf gestoßen haben, die vielleicht widersprüchlich geschrieben waren oder sogar meinen eigenen Lebensstil angegriffen haben, aber so wenigstens irgendetwas mit mir gemacht haben. Das kann ich von den wenigsten Zines behaupten. Das meiste ist halt leider nur mittelmäßig.

Es gibt einige aktuelle Zines, die ich ganz okay finde, z.B. das Seven Inches To Freedom (klassisches Punk/HC-Zine aus den USA), Glamour Junkies (Ego/Emo -zine aus Berlin), Three Chords (mittlerweile schon recht professionell gestaltetes A4-Punk/HC-Zine aus Münster, langweilige Bandinterviews und superunterhaltsame Kolumnen), Nairobi Five Degree (Connewitzer Punkkid von umme Ecke macht `nen Mix aus Egozine, Bandinterviews und Politartikeln), Trouble X (Queer Comixxx aus Berlin).
Sinnvoll fand ich auch die von Sebastian in die Wege geleitete Wiederveröffentlichung eines Comiczines von idrawescapeplans und black zero. Ist´n schönes Teil geworden und gibt´s u.a. in der Fill-My-Head-Zine-Distro zu kaufen. KAUFEN!
Anti-Everything gibt´s wieder, ist leider nicht so anti wie der Name vermuten lässt, aber trotzdem top. Das Nur über meine Leiche #02 aus Dresden find ich ziemlich cool, das kam vor ein paar Monaten raus. Schön rotziges Egozine, guter Schreibstil, nur viel zu schnell durchgelesen. Hoffentlich kommt da noch mehr. Das Scumbag Summer aus Berlin ist auch zu empfehlen, das sind vor allem Bildcollagen, aber trotzdem kein steriles, lebloses Kunststudentenblatt.

Was ich noch kurz loswerden will: Zurzeit scheint einiges zu laufen, denn neben unserem Zinefest ist für Ende diesen Jahres/Anfang nächsten Jahres noch was in Berlin geplant (checkt zinefestberlin.com), und laut unbestätigter Info demnächst auch in Hamburg.

Danke an Justus (aber auch die anderen) für die Interviewchance und die Geduld. We love you.